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Pressefoto – Darf man ein totes Kind zeigen?

4 September 2015 Keine Kommentare PDF

Die kurze Antwort: Ja, man darf es zeigen. Das Aber: Der Grad ist schmal, zwischen dem, was man zeigen kann und sollte und dem, was nur dazu dient, den Voyeurismus einzelner zu bedienen. Vor allem darf man es aber zeigen, weil dieses spezielle Foto schon jetzt, in kurzer Zeit zu einem Symbol geworden ist. Viele Fotos toter und leidender Menschen waren schon vorher Symbole und viele Fotos werden es nachher sein. Man denke nur an das Bild der weinenden Kim Phúc, dem „Napalm-Mädchen“ aus dem Vietnam-Krieg, oder die anderen Fotos, toter Kinder während der vielen Katastrophen in dieser Welt. Sie alle haben sich in das kollektive Bewusstsein der Menschen gebrannt. Die Frage, ob man sie zeigen durfte oder nicht, stellt sich hier nicht mehr.

Entscheidend ist immer der Kontext der Fotos. Alle Fotos eint, dass sie eine komplexe Situation in einem einzigen kurzen Moment widerspiegeln. Sie sind ebenso ein Konzentrat all der Schrecken und Leiden, die die Menschen durchmachen mussten, wie der Strukturen und Politik, die dieses Leiden verursacht hat. Die Fotos sind ein Aufschrei und eine Aufforderung an die Menschlichkeit etwas zu unternehmen. Dabei entblößen sie den Menschen nicht. Schon alleine, weil die Menschen unverschuldet in dieser Situation sind. Und genau das macht sie so emotional. Durch diese Fotos wird der Schleier, hinter dem wir unsere Gefühle verstecken für einen kurzen Moment gelüftet. Für einen Moment können wir das Leid der Menschen zumindest im Ansatz auf der Gefühlsebene erahnen. Fotos verhindern den Rückzug ins Rationale. Wir können uns nicht mehr hinter Statistiken, Zahlen oder gedrechselten Worten verstecken.

Was man einmal gesehen hat, vergisst man nicht – Zahlen und Worte hingegen schon. Mehr als 2.000 Tote die bei den Fluchtversuchen ertrunken sind? 71 Menschen, die in einem zugeschweißten Lkw erstickt sind? Der Artikel, der die Situation so treffend geschildert hat? Morgen haben wir dieses Zahlen und Artikel vergessen. Aber das Bild des toten Aylan, so hieß der kleine Junge, werden wir nicht vergessen. Und da ist es auch egal, ob das Bild einige beim Frühstück stört, wie es die Süddeutsche in einem ansonsten sehr ausgewogenen Artikel schreibt.

Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich finde die Diskussion um die Veröffentlichung des Bildes sehr, sehr wichtig. Denn nur im Diskurs lässt sich entscheiden, ob ein Foto nun tatsächlich ein Symbol ist oder werden kann. Außer des Kontextes, wie oben beschrieben, gibt es kein Patentrezept, um zu entscheiden, wann ein Foto die Würde des abgebildeten Menschen verletzt, das lässt sich nur mit Feingefühl erahnen. In dieser Hinsicht erfüllen nur die wenigsten Bilder alle Kriterien, um als Symbol im Großen wie im Kleinen zu dienen. Und genau deshalb müssen diese Fotos gezeigt werden.

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