Google+ – Wie die Plattform-Architektur Kultur und Entwicklung beeinflusst

Die Klarnamen-Debatte auf Google+ hat ja nach den letzten Äußerungen von Eric Schmidt wieder an Fahrt aufgenommen. Aktuell wird vor allem darüber spekuliert, was Google wirklich mit seinem Netzwerk vorhat. Sehr lesenswert ist da der Beitrag von Christoph Kappes, der vermutet, dass Google+ auf dem Weg zur Bank ist. Gleichzeitig wird an andere Stelle bei Spreeblick diskutiert, ob Google+ in seiner derzeitigen Form den Sprung in den Massenmarkt schafft. Interessant finde ich in beiderlei Hinsicht, dass die Art, wie sich die Nutzer auf verbinden können, scheinbar Einfluss darauf hat, welche Kultur sich entwickelt.

Symmetrische versus asymmetrische Nutzerbeziehungen

Vergleicht man dahingehend Xing und Facebook mit ihren symmetrischen Nutzerbeziehungen mit Google+ und Twitter mit ihren asymmetrischem Nutzerbeziehungen, dann sieht man schon erhebliche Unterschiede, in der Art wie sie speziell von „Normalnutzern“ genutzt werden. Auf Xing und Facebook werden in erster Linie direkte Netzwerke mit einem Personenkreis gepflegt, den man in den meisten Fällen zumindest einmal irgendwo persönlich getroffen hat. Der eigene Account hat hier viel mehr den Charakter des eigenen Wohnzimmers respektive des eigenen Büros. Wobei Xing mit seiner speziellen Ausrichtung als Businessnetzwerk noch eine Ausnahmestellung einnimmt. Wenn hier überhaupt Dialoge zustande kommen, dann orientieren sie sich doch stark an beruflichen Gepflogenheiten. Ebenso ist die Kommunikation auf Facebook stark an den Dialog im Freundeskreis angelehnt. Schließlich kann ich (scheinbar) über das Annehmen von Freundschaftsanfragen entscheiden, wer hören darf, was ich in meinem Wohnzimmer sage. Daran ändern meiner Meinung nach auch die Kreise bei Google+ nichts, sie machen es für Normalnutzer nur komplizierter. Im Gegensatz dazu kann auf Twitter und G+ jeder jedem folgen. Der direkte Bezug, ob man jemand persönlich kennt oder nicht, spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. In der Folge sind die Kontakte und Diskussionen offener, die persönliche Komponente der Kommunikation aber unverbindlicher. Gleichzeitig hat sich auf beiden Plattformen eine Kultur des Sendens herausgebildet. Dabei ersetzt die Qualität der Beiträge die Qualität der Beziehung. Kommunikation ist hier wesentlich stärker an Themen gebunden. Denn nur wer mit guten Inhalten aktiv ist, dem folgen andere. t3n nennt G+ in dieser Hinsicht ein Publikationsnetzwerk. Ebenso wird Twitter ja auch von vielen eher als Nachrichtennetzwerk denn als soziales Netzwerk beschrieben.

Asymmetrische Beziehungen und Pseudonyme

Wenn man die Erfahrungen von Twitter auf Google+ übertragen will, dann fördern die asymmetrischen, offeneren Nutzerbeziehungen und die Kultur des Sendes allerdings auch die Nutzung von Pseudonymen. Vor allem bei denen, die Twitter eben nicht als Business-News-Netzwerk verstehen, ist diese Kultur sehr ausgeprägt. Dabei macht der Aspekt, dass Jenseits der Trollerei Chef, Kunden und Kollegen nicht alles lesen und wissen müssen, diesen Schritt verständlich. Die Pro- und Contra-Argumente dazu wurden ja nun auch schon reichlich ausgetauscht und spiegeln sich sehr gut in den Kommentaren zum Zeit-Online-Artikel wider. Darum geht es mir auch gar nicht. Vielmehr ist die Frage, ob Google+ die kritische Masse der Nutzer mit der Vorgabe der asymmetrischen Beziehungen erreicht, wenn man gleichzeitig Klarnamen fordert. Erschwerend kommt für Google+ hinzu, dass gerade jetzt in der geschlossenen Beta-Phase die meisten Nutzer von Twitter übersiedeln. Dazu zählen eben nicht nur all die, die ihre Klarnamen schon aus geschäftlichem Interesse nutzen, sondern vor allem die, die sich bereits auf Twitter und in ihren Blogs unter Pseudonymen eine beachtliche Online-Präsenz aufgebaut haben. Und diese Pseudonymträger würden Google+ nicht nur eine Menge Entertainment bringen, sondern auch eine Menge der Normalnutzer mitziehen. Aktuell gibt es für Normalnutzer keinen anderen erkennbaren Grund von Facebook respektive Twitter zu Google+ zu wechseln, oder es parallel zu nutzen. Auch die enge Verzahnung der diversen Google-Dienste ist für den durchschnittlichen Nutzer eher uninteressant. Die Google-Dienste sind vor allem eine Arbeitserleichterung für die, die viel im Netz unterwegs sind und arbeiten.

Nimmt man diese Argumente zusammen und verbindet sie damit, dass die meisten potentiellen Google+Nutzer ihre bereits gemachten Erfahrungen von anderen Plattformen einbringen, dann steht Google gerade vor der Aufgabe, die Nutzer neu zu sozialisieren. Auf der einen Seite stehen die Facebooknutzer, die daran gewöhnt sind in einem relativ abgeschlossenen Kreis ihrer engeren Bekannten, die sie handverlesen zulassen, zu kommunizieren, auf der anderen Seite die Twitternutzer, die eine ausgeprägte Pseudonym-Kultur mitbringen. Ob unter diesen Voraussetzungen der Sprung in den Massenmarkt gelingt, ist fraglich. Doch der ist die Bedingung dafür, dass sich weitere Pläne, und sei es die Google-Bank, verwirklichen lassen. Aktuell fehlt es für die Normalnutzer meines Erachtens allerdings vor allem an einem: Entertainment.

Und als letzte Anmerkung zur Klarnamendebatte: Ohne Google unterschätzen zu wollen, vermute ich eher, dass man ähnlich wie dem +1-Button einfach nur perspektivisch ein größeres Potential in Klarnamen sieht. Welches und wie das ausgeschöpft werden soll, da sind Googles Pläne wahrscheinlich weit weniger ausgereift, als die Diskussion darum. Vielleicht ist es auch einfach nur der Gedanke, wer jetzt Pseudonyme zulässt, der kann später das Rad nur schwer zurückdrehen, wenn für erweiterte Dienste Klarnamen benötigt werden.

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